Casual Connect 2013


Es begann mit einem Game City Treff am Montagabend. Man lief durch den Empfang, ging zur Garderobe und zur Bar. Alles wie immer, nur eine Sache war anders...wer waren all diese Leute?! Keine bekannten Gesichter, außer denen, die man selber mitgebracht hat (und diesmal war ich vorbildlich, mit gleich zwei Damen angereist). Der Grund: vergangenen Montag ging dem eigentlichen Treffen die Badge-Ausgabe der Casual Connect Europe 2013 (der europäischen Version des wohl wichtigsten Industrie-Ereignisses im Casual-Gaming-Sektor) voraus. Die üblichen Verdächtigen trudelten dann im Laufe des Abends ein, man grüßte sich, trank zusammen und tauschte den recht oberflächlichen Smalltalk aus. Am Ende war also alles wieder wie immer und alles war wieder gut. Allerdings ist die CC gar nicht so schlecht, wie man jetzt vermutet könnte, nur anders. Ich durfte, dank meines derzeitigen Arbeitgebers, auch dabei sein und möchte an dieser Stelle, auch für euch, meine Eindrücke der Veranstaltung "kurz" zusammen fassen.

Es begann am Montagabend. Schon die einführende Ansprache erweckte einen Eindruck, der sich durch die folgenden Tage wie ein roter Faden zog. Die CC ist zwiegespalten, unentschieden und ein Stück weit unsicher. Ein Großteil der Teilnehmer geht, wie auf allen Konferenzen, in die mehr oder weniger guten Vorträge. Der andere, nur unwesentlich kleinere Teil, ist (fast) ausschließlich zum Netzwerken vor Ort und wird nie eine Halle von innen erblicken. Die üblichen Konferenz-Taschen enthalten unüblicher Weise weder Stift, noch Schreibblock. Das Bier fließt, bevor der letzte Talk vorbei ist. Die Fläche für die Stände der Sponsoren steht den Hallen, in denen die Lectures stattfinden, in nichts nach. Dienstleister halten ihr Daily Scrum im Vorraum ab und schwärmen dann zur Akquise aus. Kollegen von mir besetzen die begrenzten Plätze und lassen sich nur zum Essen und für Meetings blicken. Nicht falsch verstehen, das stört mich nicht wirklich, allerdings habe ich persönlich einen anderen Anspruch, wenn es um Konferenzen geht. Für mich steht Weiterbildung im Zentrum, durch Vorträge und durch die Beobachtung der Gemeinschaft. Schließlich sind Konferenzen rare Momente, in denen sich die Community in statistisch relevanter Konstellation versammelt und Stichproben möglich sind, die neue Trends sichtbar machen können. Das schließt das Networking nicht aus, aber eben auch nicht die Lectures und dort vor allem all das, was zwischen den Zeilen steht und nicht gesagt wird.


Es begann direkt am ersten Tag. Es folgt die Liste meiner persönlichen Highlights der Konferenz:

  • Schon der zweite Slot beherbergte einen netten Talk über "Best Practices for Creating and Distributing Games Cross Platform". Tommy Palm vermittelte ein paar nette Einblicke in die Arbeitsweise und Erfahrungen von King.com.
  • Michael Kalkowski versucht in seiner Session den Fokus auf den Arbeitsplatz zu lenken und das Bewusstsein dafür zu schärfen, was ein gutes und leistungsförderndes Tätigkeitsumfeld ausmacht. Der Mitbegründer von Game Duell stellte in seiner Lecture "Staying Lean and Vibrant: Secrets To Developing A World Class Work Place" sogar einen Punkt vor, den ich so noch nicht im Fokus hatte. Ich habe ihn mir natürlich kurz danach direkt geschnappt, vor allem weil seine Gedanken sehr stark in die Stoos-Richtung tendieren (wohl weil sie unter Anderem aus der Ecke der Tribal Leadership Bewegung stammen). Die ersten wirren Fragen hat er auch schon per Mail von mir erhalten. Vielleicht kommt da ja etwas Produktives heraus, das für einen eigenen Blogartikel herhalten kann.
  • "Small but Smart! Drive Success with International PR" von John Tyrrell war super unterhaltsam und nochmal einer schöner Round-House-Kick durch das Thema. Der Typ kann, was er predigt: Geschichten erzählen (und früher habe ich ja den einen Sportlehrer gehasst, der auch wirklich alle Übungen sauber vorturnen konnte). Leider konnte ich keine Aufzeichnung des Talks finden. Schade, war er doch sehr unterhaltsam.
  • "Single Screen Metrics in a Multi-screen World" von Peter Warman teilte die Nutzungsgewohnheiten von Spielern über den Bildschirm ein, den sie nutzen und füllte diesen Rahmen mit passenden und interessanten Zahlen auf. Ein spannender Ansatz, anregend präsentiert.
  • Ian Verchere von Roadhouse Interactive mit "Console to Online: How To Transition Your Development Studio Successfully". Ein guter Vortrag von einem guten Redner. Am Ende habe ich sogar mal eine Frage gestellt (mein Puls geht ja schon hoch, wenn ich mich daran erinnere), worauf er, der Herr Creative Director, mit einer Selbstverständlichkeit Scrum erklärt und dann steigt David, der Track-Host, auch noch mit ein: "I think there is no other way to do the job [...] without agile." O.O Sowas würde ich liebend gerne mal hier von einem Exec hören -.- Auch mit ihm bin ich aktuell in Kontakt. Ein kurzes Gespräch im Anschluss bestätigte bereits meinen langwährenden Verdacht, dass die deutsche Spieleindustrie in vielen Belangen, aber vor allem bei agilen Methoden, gut 5 Jahre hinterher hinkt. Das weckte mein Interesse. Mal sehen, was sich da noch ergibt.
  • "Designing For Discovery" von Oscar Clark, Applifier, hat es dann aber wieder rausgerissen. Geile Präsentation, mit einigen Denkanstößen (User Generated Content als Evolution der Facebook-Spam-Postings, den Spieler entscheiden lassen, was er anderen über das Spiel erzählt und ihm aber die nötigen Werkzeuge bereitstellen, Youtube-Uploads als kompetitives oder Support entlastendes Feature, Bug-Reports durch Replay-Features) von einem coolen Typen. Da merkt man die Erfahrung einfach. Ich konnte leider nichts im Netz finden, aber vielleicht taucht die Präsentation ja bald auf slideshare auf.

        Ansonsten sehenswert:

  • Richard Firminger und die alljährliche Flurry-Lecture präsentierten wieder viele viele Zahlen. Wenn  auch nur über den mobilen Sektor, aber die Infos reichen bereits, um einen zu erschlagen. Der Flurry-Blog enthält fast alle vorgestellten Informationen und auch die Folien von diesem Jahr sollen laut Präsentator ihren Weg dorthin finden.
  • "5 Way to Fail Freemium" von Ben Sipe, W3i, kann man sich auch mal antun, so nebenbei. In diesem Zusammenhang sei auch direkt der Deconstructor of Fun allen Interessierten ans Herz gelegt.
  • Emily Greer von Kongregate mit " Years, 300 Games: What We've Learned About Free-2-Play" Leicht zäh, aber doch ganz guten, mit einigen netten Zahlen. Hierbei sei allerdings eine der anschließenden Fragen zu beachten und natürlich deren Antwort: Kongregates Kundschaft besteht fast nur aus sehr hart nerdigen Typen.
  • Michael Schade von Fishlabs und seine komplette Faktensammlung zum Thema Payment, mit einer einzigen Folie pro App-Store...pew pew.
  • Timo Dries von Wooga hielt eine sehr unterhaltsame Session "Stealing Your Heart, Eating Your Brain" Allerdings kommt Wooga auch diesmal so episch und knuddelig daher, dass man durch bloße Anwesenheit Karies bekommt. Großartig, sollte das alles echt sein. Ich bin allerdings etwas skeptisch und würde es mir gerne mal genauer ansehen.
  • "Monetize those Non-paying Users!":Werbung ist eh ein Thema, dass auch meinem Eindruck nach in unserer Branche aktuell vernachlässigt wird
  • "Going Above and Bexond the Standards: How to Engage with your Players!" von Almong Koren, Scoreoid: ganz nett.
  • Oh und da war ja noch Kabam, die Newcommer des letzten Jahres. Andrew Sheppard hielt "How to Spot a Midcore Game", eine fast schon absurde Session. Er schaffte eine beinah erhabene Stimmung, durch schwarze Folien, seine absolut großartige Stimmlage und Sprechweise (der Kerl hat seine paar Fakten und Erkenntnisse [die man zwischen den Zeilen auch recht schnell als diskutabel erkennen konnte] so absolut souverän und mit einer Ruhe vorgetragen, sensationell). Das Publikum tauschte sich plötzlich nur noch maximal flüsternd aus, lief auf Zehenspitzen umher und schlief am Ende fast ein. Auch wenn ich jetzt nicht ganz überzeugen wurde, sollte man mal drüber schauen (vor Allem weil einige Mid-Core ja als den nächsten heißen Scheiß bezeichnen). Ich persönlich arrangiere mich in Punkto Mid-Core ja aktuell mit dem Ansatz, dass es sich dabei um Spieler handelt, die das Spielen in ihren Alltag und Zeitplan einarbeiten, wenn es passt. Man sollte nun halt regelmäßig Stichproben am Markt nehmen, um zu sehen, wer grad in diese Kategorie fällt, um damit zu arbeiten. Genau das hat Commander Sheppard hier getan. Nette Zahlen, keine großen Erkenntnisse (jedenfalls nicht für mich).


Es begann am dritten Tag. Zum aller ersten Mal gab es einen vollständigen Track allein zum Thema Casino-Games und digitalem Glücksspiel. Ich habe mir nichts davon angesehen, was schade ist, da andere Kollegen durchaus begeistert waren. Obwohl das Thema nicht so berufsbegleitend für mich war, ist es ja trotzdem neu und wurde wohl sehr unterhaltsam, von erfahrenen Sprechern präsentiert. Wieder eine Lektion gelernt. Was mich zum Ende hin zum Nachdenken brachte: Was habe ich denn nun eigentlich gelernt, was sind denn nun die neuen Trends, der nächste heiße Scheiß? Also aus meiner Sicht (und man kann nun argumentieren, dass mir Erfahrung fehlt, da es grad mal meine zweite Casual Connect war, trollollol) hat ein Umdenken eingesetzt. Vielleicht täusche ich mich auch, aber zahlengetrieben war gestern. Zu viele Metriken erschweren die Einsicht oder machen sogar blind. Analysen sind zum Testen da, um Behauptungen zu bestätigen, oder zu wiederlegen. A/B-Testing ist mittlerweile Standart und wird deshalb höchstens am Rande erwähnt. Es geht mehr darum "out of the box" zu denken, wieder auch mal seinem Bauch zu vertrauen, aber das dann doch bitte fix runter zu prototypen und mit Zahlen zu belegen (testen, testen, testen, so früh wie möglich QA nutzen, die Produktion so aufziehen, dass man schnellst möglich mit echten Spielern ran kann und all das andere Zeug, welches unter Anderem im agilen Bereich Standart ist). In gewisser Weise spiegelt es den allgemeinen Trend wieder, der sich aktuell durch die gesamte Softwarebranche zieht, unter Anderem durch Bewegungen, wie Stoos und Tribal Leadership. (Wodurch sich mal wieder der Verdacht aufdrängt, dass Games gar nicht so sehr anders sind, wie viele ihrer Produzenten immer gerne behaupten, aber auch hierzu wohl mal an anderer Stelle mehr). Ein weiteres, immer noch aktuelles Thema, ist Spiele als Service zu begreifen und diese wiederum als Marke. Daraus leiten sich einige spannende Gedankengänge ab, die ich wohl hier und da in späteren Blogartikeln beleuchten werden, da sie hier auch grad den Rahmen endgültig platzen lassen würden ;)


Apropos platzen, das Essen war gut. Aber als kleinen Hinweis an die Veranstalter (wer weiß, vielleicht findet ja tatsächlich einer von ihnen seinen Weg zu diesem Beitrag), das Essen war am ersten Tag so knapp, dass sich am zweiten alle sehr früh drauf gestürzt haben. Das machte einerseits die Köche zu Body- bzw. Buffet-Guards und andererseits trieb es viele Leute frühzeitig aus den Sessions, was diese ein wenig störte. Aber man erkannte den Engpass und schon das zweite Mittag war ausreichend, wodurch sich der letzte Tag entspannender gestaltetet.

Es begann 2012. Meine erste Casual Connect im vergangenen Jahr hat mich eher enttäuscht. Dieses Mal konnten die Veranstalter und Sprecher es wieder gut machen. Ich würde nun jedenfalls gerne auch mal einen anderen Veranstaltungsort besuchen (die Casual Connect gibt es ja über das Jahr verteilt an mehreren Standorten) und freue mich schon auf 2014.


DM47

Kommentar schreiben

Kommentare: 0