Wie erfahren ich bin?


Geneigter Leser,


auf Basis von Mozilla Open Badges ist bei uns im Büro vor einer Weile mal wieder die Diskussion los getreten worden, ob und warum Titel und Präfixe überhaupt notwendig sind. Die Idee bei Open Badges ist es, in diesem Fall softwaregestützt, seine (beruflich relevanten) Erfahrungen und Qualifikationen durch Abzeichen (oder halt im Englischen Badges) sichtbar zu machen und so mehr und detailliertere Informationen für andere zu liefern, vor allem auch über den Tellerrand einer schwammigen Rollenbeschreibung hinaus.

Mit solch einem System könnte ich als Projektleiter ebenfalls aufzeigen, dass ich mich auch in technischen Belangen fit halte und generell alle SQL-Statements des Junior Entwicklers gegenprüfe, da es schlicht noch nicht seine Expertise ist. Aber da haben wir es doch auch schon wieder: „Junior“ Entwickler. Ganz so einfach bekommt man es dann ja doch nicht raus. Also müsste auch so ein System durch Standards gestützt sein, allein schon um all die Zweifler zu beruhigen ;)


Selbstdarstellung ist allerdings nur ein Ausläufer in dieser Debatte. Die Abschaffung von Titeln und Präfixen grenzt nämlich an eine ganze Hand voll recht unterschiedlicher Themen. Darunter aktuell für mich am interessantesten, ist der Aspekt, dass Titel als Teil von traditionellen Hierarchien ein zu starres Konstrukt darstellen und sehr oft der positiven Entwicklung von Teams und damit dem Wohl der Unternehmung im Wege stehen. Sie lassen im Zweifelsfall zu wenig Spielraum, um dynamisch (oder von mir aus auch agil) auf Umwelteinflüsse und -veränderungen zu reagieren. Sie schränken viele Leute unter Anderem in ihren Köpfen ein, versperren neuen Möglichkeiten den Weg und können als Keimzelle für Missgunst dienen, wenn ein Status auf intransparente Weise vergeben wird und auf Dauer nicht nachvollzogen werden kann. Blödes Beispiel, aber in der freien Wildbahn lösen regelmäßig die stärkeren diejenigen ab, die schwächer geworden sind. Welche Hierarchie lässt denn zu, dass man von seinem/seiner Posten/Titel/Rolle zurück treten kann, ohne dabei sein Gesicht zu verlieren? In welchen Unternehmen wird solch ein Verhalten zum Wohle aller überhaupt geduldet oder gar gefördert?


Aber ich schweife ab ;) Eigentlich möchte ich auf die ein paar Urlaubstage zu sprechen kommen, die ich im Anschluss an das diesjährige Osterfest in der beschaulichen Stadt Bremerhaven verbracht habe. Unter anderem war ich im dortigen Klimahaus (welches in dir sehr ans Herz legen kann, vor allem mit Frau/Freundin und/oder Kind[ern]). In diesem unternimmt man eine klimatische Reise um die Welt, entlang des 8ten Breitengrades, da auf jenem auch Bremerhaven liegt. In den heißen (was wörtlich zu nehmen ist, da das Raumklima die vorgestellten Lokalitäten spiegelt) Regionen Nordafrikas führt ein junges Mädchen den Besucher durch ihre Heimat. Man lernt die Region kennen, die Leute und auch ihre Kultur. Alles präsentiert und unterstrichen durch die verschiedensten Formen des medialen Einsatzes. Darunter auch Zitate an den Wänden, wovon eines mein Interesse besonders geweckt hat:

Wie alt ich bin?
Wie alt ich bin?

Ein wenig abgeändert spiegelt es nämlich genau das wieder, was ich (glücklicherweise) hier und da bereits in einigen Teams erleben durfte und was generell vielleicht auch eine Alternative zu Titeln, Auszeichnungen und Präfixen sein könnte:

 

„Wie erfahren ich bin? Keine Ahnung. Ich hab mich hier damals als Associate beworben.

Wir rechnen nicht in Arbeitsjahren oder so. Jeder ist so erfahren wie die Aufgabe, die er erledigt.“

 

Solch eine Denkweise bildet direkt den Status Quo ab. Sie beschreibt die Umstände, die genau in diesem Moment vorherrschen, aktueller und passender geht es fast kaum. Auf der anderen Seite erschwert sie natürlich andere Menschen spontan einzuschätzen. Allerdings muss man sich vielleicht ja auch einfach mal etwas mehr Zeit nehmen, um einen anderen Menschen zu erfassen ("don't trade speed for quality" und so). Aber ok, am besten lassen wir den Gedanken erst noch einmal einen Moment sacken. Geneigter Leser, viel Spaß bis zum nächsten Mal.

 

 

DM47

 

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