Trust Temenos

Geneigter Leser,

 

im zweiten agile Coaching Circle in Hamburg, freundlicher Weise unterstützt von der Xing AG, drehte sich neulich alles um die Methode der (Trust) Temenos. Der Begriff selbst stammt aus dem griechischen und bezeichnet ein Heiligtum, bzw. das umgrenzende Gebiet eines Heiligtums, etwa den Hügel, auf dem ein Tempel steht. Im Kontext von Team, Gruppen und Organisationen bezieht es sich, vergleichbar vielleicht mit der Methode des True North, auf einen angestrebten, vorteilhaften Ort, oder Zustand. Man versucht heraus zu finden, woher die einzelnen Bestandteile einer Situation oder Gruppe kommen. Hier spreche hier natürlich von Menschen. Welcher Weg, welche Geschichten führten jedes einzelne Individuum hier her und machten es zu dem, was es heute ist. Denn wenn jeder den Blickwinkel des anderen versteht, hören wir auf darüber nachzugrübeln und nutzen unsere Energie für die wirklich Wichtigen Dinge. Zum Beispiel zum Probleme lösen, Kreativ sein oder zur Gefahrenabwehr.

Der Ablauf gestaltet beim Temenos so, dass es einen recht knappen Rahmen für jeden der 4 Schritte gibt (die im einzelnen gleich noch näher vorgestellt werden), in welchem jeder Teilnehmer seine Gedanken visualisiert. Im Anschluss stellen sich alle reih um ihre "Kunstwerke" vor und erzählen etwas genauer, was man da genau sieht. Das Bild, als grundlegendste aller Erzählformen/-Medien, dient hierbei als Grenzen überspannender Katalysator des gemeinsamen Verständnisses. Der Teil im Gehirn, der für Gefühle zuständig ist, liegt halt leider etwas abseits von der Abteilung für Aussprache und Formulierungen. Wahrscheinlich auch einer der Hauptgründe, warum wir so gut in Metaphern sprechen und Leuten auf Konferenzen und Versammlungen hinterher laufen, die endlich mal das in Worte fassen können, was wir schon so lange im Herzen tragen, aber das nur nebenbei. Der zweite Wichtige Punkt, wir kommen zurück zum Temenos, ist das aktive Zuhören. Teilweise wird auch vollständig auf Rückfragen verzichtet und man soll sich bewusst vergleichbare Situationen aus seinem eigenen Leben ins Gedächtnis rufen, damit einem die verknüpften Gefühle und Emotionen besser verständlich sind. So fällt es einem leichter den Standpunkt des anderen zu verstehen und sich der Gesamtsituation bewusst zu werden.


Bevor wir nun kurz zu meinem persönlichen Beispiel aus der Veranstaltung kommen, noch kurz ein paar Worte zum zeitlichen Rahmen. Die beiden Kollegen, die uns die Methode vorgestellt haben, Christine Neidhardt und Olaf Lewitz, veranstalten Session in allen erdenklichen Grüßen. Zeitlich variieren diese, je nach gestecktem Rahmen und Ziel, von wenigen Stunden, bis zu mehreren Tagen. Temenos ist also eine Methodik, die sich gut skalieren lässt. Ich habe den Eindruck bekommen, dass man sie vielleicht einmal mit erfahrenen Leuten ausprobiert und dann in einer längeren Retrospektive, mit konkretem Rahmen, anwendet. Aber kommen wir nun zum Beispiel.

Zu Beginn erzählt man, wie gesagt, eine Geschichte, welche einem hier her gebracht hat. In meinem Fall ist das die Geschichte von dem Umstand, dass ich jeher einer der jüngsten war, einer der kleinsten und sogar noch jünger aussaht, als ich eigentlich noch war. Das ging in meiner Generation der Dorfjugend los, zog sich durch die gesamte Schulzeit und selbst im Job war ich etwas "frühreif". Das führte dazu, dass man oft keine Ansprüche an mich stellte. Ich musste dadurch einerseits hart durch Ergebnisse überzeugen, um ernst genommen zu werden, andererseits gab es für mich auch weniger Regeln und Constraints, da sie mir schlicht nicht zugetragen wurden. Ich konnte also oft einfach machen, tat dies auch und es erhielt so Optionen, die anderen Kollegen vielleicht nicht offen standen. Vor allem auch durch psychische Hemmschwellen.


Irgendwann war auch ich mal aus der Phase raus, immer der jüngste zu sein. Aber diese Situation ohne (überflüssige) Grenzen und Regeln gefiel mir. Diese Freiheit förderte gute Ergebnisse. Also gewöhnte ich mir an, die Erwartungshaltung, welche man mir entgegen brachte, vorsichtig aber gezielt zu zerbrechen, bis wieder eine grüne Wiese geschaffen ist, auf der alle Beteiligten, nicht nur ich, den Freiraum haben, nach passenden Lösungen zu suchen. In den meisten Fällen "breche" ich die Regeln in den Köpfen der Menschen durch aussagen und Gesten, mit denen sie in der gegebenen Situation am wenigstens gerechnet haben. Ab und an reicht es da sogar schon, wenn der sagenumwobene Konsultant angekündigt ist und dann aber ein junger Bengel in Jeans und T-Shirt mit am Tisch sitzt.


In einem aktuellen, recht hartnäckigen Fall habe ich das legere Auftreten noch zusätzlich um das entsprechende Vokabular des Kunden erweitert. Das der Consultant überhaupt mit dem "ordinären  Angestellten" spricht war den Skeptikern schon komisch genug. Aber, dass er aussieht und redet wie sie, machte sie schlussendlich dann doch sehr neugierig und es entstant, entgegen vieler Erwartungen, eine offene Atmosphäre, in der einige vergrabene Stimmungslagen hoch kamen.


Aber genau an dieser Stelle kommen wir an den zweiten Abschnitt des Temenos, dem Clean Slate. Ein aktueller Sachverhalt, eine konkrete Situation, in welcher wir enttäuschen und die uns selbst enttäuscht. In meinem Beispiel steh ich natürlich zwischen den Stühlen. Auf der einen Seite verstelle ich mich, um das gemeinsame Ziel zu erreichen. Aber an welchem Punkt verliere ich dabei meine Authentizität? Auf der anderen Seite trage ich eine gewisse Verantwortung gegen über dem Kunden und allen Beteiligten, nicht nur der (meist) kleinen Gruppe an Quertreibern. Wie viel Zeit und Energie darf ich überhaupt in das Einsammeln einzelner Schäffchen stecken, ohne die Leute zu verprellen, die meine Anwesenheit von Anfang an unterstützt haben? Aber wann komme ich in die Schulleiter-Situation, in welcher ich all die Störenfriede beim Namen kennen, aber nicht weiß, wer meine Einserkandidaten sind? Ohh und da verstecken sich noch so einige weitere Konflikte.


Teil Drei führt die Geschichte dann, nach Vergangenheit und Gegenwart, in die Zukunft. Es geht um die persönliche Vision. In meinem Fall ist das die erfolgreiche Zusammenarbeit beim Kunden. Nicht zwangsweise nur bei dem beschriebenen, sondern bei allen. Ich möchte Menschen dabei helfen anderen zu helfen. Zusammen erwerben sie das Rüstzeug und erlernen die nötigen Taktiken, um gemeinsam Seite an Seite stehen zu können und sich alle zusammen den Gefahren dort Draußen, auf dem Markt und in der Zukunft zu Stellen.

Der vierten Teil, die Gruppenvision, haben wir aus Zeitgründen entfallen lassen müssen. Das Geschichten erzählen war aber auch so schon anstrengend genug und dem geneigten Leser ist der folgende Ablauf sicherlich auch schon klar.


Auch wenn die Veranstaltung anfangs einen leicht esoterischen Einschlag befürchten lies, hat mir die Methode sehr gut gefallen. Nachdem ich es einmal durchspielen durfte, wurden auch die eigentlichen Knackpunkte klar, auf die man als Moderator achten sollte. Aktives Zuhören, Empathie, Reflektion und das Erzeugen eines kollektiven Bewusstseins um die Herkunft und Hintergründe der jeweiligen Gruppe und Situation. Alles in allem ist Temenos ein schöner, durchdachter Weg, den ich in ich auf jeden Fall bald mal mit einer Gruppe gehen werden.

 

DM47

Kommentar schreiben

Kommentare: 0